Neue Arbeitsweise, neue Räume

Wie wir arbeiten, ändert sich in unserer Wissensgesellschaft rasant und kontinuierlich. Die Architektur muss in Zukunft sicherstellen, dass Räume diesen Veränderungen Rechnung tragen und sich jederzeit anpassen können. Raphael Gielgen hat aus diesen Herausforderungen sein „Work Panorama“ entwickelt: In der Tradition der Panoramabilder, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts etablierten, macht das „Work Panorama“ als grossteilige Installation neugierig darauf, sich aus seiner eigenen Arbeitsroutine zu lösen und zukünftige Arbeitsszenarien und -räume zu entdecken.

Text: Angela Pietzsch

Das „Work Panorama 2019“ von Raphael Gielgen, Trendscout Future of Work bei Vitra, stellt sich den Herausforderungen der Zukunft

Der Mensch im Zentrum (Human Core)

Wir werden immer älter und leben gesünder. Dies verändert die Art und Weise, wie wir leben und arbeiten. Unternehmen müssen diesen Veränderungen Rechnung tragen. „Das höchste Gut jedes Unternehmens ist ihr Humankapital“, sagt Arianna Huffington. Die Gründerin der Huffington Post spricht aus eigener Erfahrung: Nach einem Zusammenbruch gründete sie Thrive Global, eine Plattform, die Unternehmen und Individuen hilft, bewusster und gesünder zu leben. Sie und viele weitere Experten sind sich einig: Unternehmen werden in Zukunft nicht nur dafür sorgen müssen, dass ihre Mitarbeiter gesund bleiben. Sondern vielmehr dafür, dass sich ihre Gesundheit sogar verbessert. Konkret heisst das, dass Gebäude – und alles, das sich in den Gebäuden befindet – dazu beitragen muss, dass wir uns wohler fühlen, bessere Entscheidungen treffen und unsere Gesundheit im Mittelpunkt steht.

Unternehmen werden sich in Zukunft darum bemühen, dass ihre Mitarbeiter gesund bleiben. Bild: Big Singapore Tower

Campus Gemeinschaft (Campus Community)

Der Campus ist der Ort, an dem alles Wichtige passiert: Er bietet den Raum, der das Gemeinschaftsgefühl fördert und bietet sämtliche Annehmlichkeiten, die Menschen benötigen, um ihre Arbeit richtig gut zu machen. Der Campus gibt dem Unternehmen Persönlichkeit und wird ein Wegweiser für die Zukunft des Unternehmens sein. Er wird künftig kaum mehr wegzudenken sein, wenn es darum geht, Unternehmen neu aufzustellen.

Der weltweit grösste Start-up Campus "Station F" steht in Paris und beherbergt über 1'000 Firmen (www.stationf.co).

Denn wie kein anderer Raum in einem Gebäude oder auf einem Firmengelände fördert der Campus Engagement, Ideenreichtum und Wachstum. Er kann eine Unternehmenskultur formen, die eine ungeahnte Menge an Energie entwickeln kann und die die Leistungsfähigkeit einer Organisation auf aussergewöhnliche Art fördert.

Netzwerke schaffen (Cluster Economy)

Ein Cluster beschreibt Netzwerke verschiedener Produzenten, Forschungseinrichtungen, Institutionen, die sich regional ballen und gemeinsame Interessen haben. Diese Cluster entstehen durch die Beziehungen, die die Beteiligten miteinander pflegen. Und nicht dadurch, dass sie sich zufällig einen Standort teilen. Die räumliche Nähe kann am Ende aber der entscheidende Vorteil sein. Denn sie erhöht die Wahrscheinlichkeit für Zusammenarbeit, Effizienz und Innovationsfreudigkeit.

Am Pier 9 in San Francisco betreibt Autodesk eine Plattform, an dem sich unterschiedliche Firmen für eine bestimmte Aufgabenstellung treffen. Damit pflegt Autodesk den direkten Austausch mit den Benutzern und gewinnt wichtige Erkenntnisse für die Softwareentwicklung.

Begabungen weitergeben (Talent Transfer)

Lebenslanges Lernen und das Weitergeben von persönlichen Begabungen: in Zukunft wird es ohne diese Eigenschaften keinen Fortschritt mehr geben. Reichte es früher noch aus, von der Garage aus mit technologischen Innovationen die Welt zu erobern, wird die Wirtschaft zukünftig nur noch wachsen, wenn wir Werkzeuge wie Umschulungen und Fortbildungen richtig einsetzen. Dazu kommt: Wenn immer mehr Millennials auf den Arbeitsmarkt strömen, wird das die Wirtschaft verändern. Denn sie stellen mehr Fragen und haben höhere Anforderungen an die Gemeinschaft innerhalb einer Organisation, bestätigt auch Ellen Huet, Journalistin bei Bloomberg.

Adidas Brookly Creator Farm
Adidas vereint in der Brooklyn Creator Farm Menschen mit Inspiration und Kreativität aus den unterschiedlichsten Fachbereichen. Das verschafft viele neue Perspektiven und sorgt dafür, dass Produkte neu gedacht werden.

Mensch vs. Maschine (Mashine Minds)

Ein Roboter ersetzt sechs Arbeiter – aber wollen wir von Maschinen geführt und gefüttert werden? Maschinen werden niemals Chefs, Lehrer oder Pflegepersonal ersetzen. Roboter können Routinejobs ausführen und die Arbeit von Menschen in Fabriken übernehmen. Aber gleichzeitig „wird eine grosse Anzahl an Jobs entstehen, für die man jede Menge Empathie benötigt“, versichert Molly Kinder von der New America and Georgetown University. Was Roboter für die Industrie sind, sind Smart-Home-Lösungen für Gebäude. Sie helfen Facility Managern, den Energieverbrauch und Raumangebot zu optimieren, Unterhaltskosten zu senken und die Planung zu vereinfachen. Aber eine Herausforderung wird bestehen bleiben: wie bleibt künstliche Intelligenz kontrollierbar?

Das DFAB House ist das weltweit erste Gebäude das digital geplant und gebaut wurde. Mehr Infos zum Gebäude unter www.dfab.ch.

Alles bleibt anders (Permanent Beta)

Nichts ist beständiger als der Wandel: Die heutige Wirtschaft kann es sich nicht erlauben, sich auf ihren Produkten auszuruhen. Sie wird angetrieben von ständigen Veränderungen und Optimierungen. Technologie, Menschen, Räume – alles ist ständig in Bewegung und in Veränderung. Neue Bürogebäude werden uns zeigen, wie eine permanente Beta-Version aussehen kann und welche Vorteile sie mit sich bringt. Denn sie ist gleichzeitig ein Labor, um neue digitale Ideen auszuprobieren. Wann wird etwas fertig sein? Wir werden uns damit abfinden müssen, dass die Antwort lautet: niemals.

Umweltfreundlich (Eco Friendly)

Amazon Spheres

Heute leben 50 Prozent der Menschen in Städten. Innerhalb der nächsten drei Jahrzehnte werden es 70 Prozent sein. Doch wie wollen diese Menschen leben? Studien sagen, dass Gebäude das Glücksgefühl der Menschen um 12.5 Prozent erhöhen können. Deshalb werden Luftqualität, Temperatur und Licht eine immer grössere Rolle spielen. Doch wie schaffen wir es, das Bewusstsein für die Umwelt und die Dringlichkeit dafür zu schärfen? Indem wir ganzheitlich denken. Und war in sämtlichen Bereichen: auf sozialer, wirtschaftlicher und politischer Ebene.

Amazon Spheres 01
Mit "The Spheres" hat Amazon einen einzigartigen Arbeitsplatz geschaffen. Die Mitarbeiter sollen umgeben von Pflanzen anders denken und arbeiten können. Im Gebäude leben über 40'000 Pflanzen. www.seattlespheres.com

Das Gegenteil von normal (Transversality)

Beim heutigen Arbeiten geht es verstärkt um Wissen statt um starre Produktivität, weshalb die Grenzen zwischen Industrien, Gruppen und Disziplinen immer weiter verschwimmen. Also müssen Räume und Funktionen ständig hinterfragt und verändert werden. Menschen werden Orte in Räume verändern, die sie wirklich brauchen. Deshalb müssen Gebäude völlig neu gedacht und in ihr Umfeld eingefügt werden. Und auch das ist klar: Die Transformation des Office Space ist schon längst kein Trend mehr. Sie ist bereits jetzt Voraussetzung für den Erfolg eines Unternehmens.

Die Arbeitsabläufe ändern sich immer schneller. Um am Markt bestehen zu können, müssen sich nicht nur die Mitarbeiter rasch anpassen, sondern auch die Räume und die Arbeitsumgebung. Die neuartige Gebäudetypologie von Diller Scofidio & Renfro trägt dem Rechnung.

«Work Panorma 2019» downloaden – kostenlos

Work Panorama 2019

Wie sich unsere Arbeitsroutine, die Arbeitszenarien und die Arbeitsräume künftig verändern werden, finden Sie übersichtlich zusammengefasst auf dem «Work Panorama 2019» von Raphael Gielgen. Das ganze «Work Panorama 2019», vorerst nur in der englischen Version erhältlich, gibt es hier zum kostenlosen download.

Raphael Gielgen

Über Raphael Gielgen

Seit 2014 forscht Raphael Gielgen bei Vitra nach den neusten Trends, offiziell nennt er sich Head Research & Trend Scouting und Trendscout Future of Work. Die sozialen, technologischen und gestalterischen Fragen rund ums Büro beschäftigen den gelernten Tischler und Kaufmann seit mehr als 20 Jahren. Um Antworten zu finden, reist der Deutsche 200 Tage im Jahr um die Welt.